Hoffnung für den weltlichen Humanismus (12.2018)

Der weltliche Humanismus ist bemüht, die Freiheit des Einzelnen bei gleichzeitiger Achtung der Würde anderer zu wahren. Aus diesem Gedanken heraus begründet sich der Verzicht auf Kräfte, die nach der Unmündigkeit des Menschen verlangen, um dann mit Autorität statt mit Vernunft das Miteinander zu gestalten. Mit einem solch starken Bezug zur Vernunft, die in der humanistischen Tradition von Rationalität und Aufklärung steht, erteilt der Humanismus dem mythischen Denken meist eine vollständige Absage; denn das mythische Denken erblickt übernatürliche Zeichen dort, wo sich zeitliche und kausale Wirkungsfolgen dem Verstand nicht (sofort) erschließen. Schreitet aber die Erkenntnis fort, sodass sich etwas Unergründliches plötzlich in einer Weise erklären lässt, die es unabhängig von der eigenen Einsicht auch anderen erlaubt, zu derselben Schlussfolgerung zu gelangen, so ist ein Beweis im Sinne der Vernunft erbracht. Nach und nach fügen sich derartige Erkenntnisse zu einer geordneten Weltanschauung, deren Ziel es ist, Orientierung zu geben und Sinn zu stiften.

In gewisser Weise bedient sich auch das mythische Denken einem Aspekt der Nachvollziehbarkeit. Je willkürlicher die Eindrucksphänomene zu einem Zeichen des Übernatürlichen gefügt werden, desto stärker offenbart sich jene Undurchdringlichkeit, die allen mythischen Zeichen gemein ist. Aus einer Vielzahl derselben wird letztlich jener jenseitige Wille abgeleitet, der sich in einem vermeintlich allgegenwärtigen, aber eben unerschaubaren Gott manifestiert. Auch das ist ein System. Dessen Ziel (das Ziel der Religionen) ist es im Idealfall nicht minder, den Menschen einen gefestigten Bezugspunkt zu geben und ihnen Sinn zu stiften. Oftmals geht das aber eben auch mit Autorität einher. Namentlich ist es die Furcht vor dem Jenseits, die, wird sie erzeugt, dem Gläubigen bestimmte Handlungen eben nicht einsichtig macht, sondern aufnötigt. Dem mythisch Schauenden offenbart sich eine erhabene Gefühlsbewegung zwischen Furcht und Hoffnung, während sich dem vernünftig Denkenden rationale Erkenntnisse erschließen, die ihn nicht minder zu Handlungen bewegen. Oftmals sind beide Anschauungen in ein und demselben Menschen gegenwärtig – in unterschiedlichen Gewichtungen selbstverständlich. Die Konflikte entstehen dort, wo beide Weltanschauungen sich widersprechen. Fördert nämlich die Vernunft eine Erkenntnis zutage, die ein mythisch offenbartes Zeichen rational zu erklären vermag, und wird dennoch nicht an dem Erkannten, sondern an dem Geoffenbarten festgehalten, entsteht spätestens dann ein fundamentalistisches Dogma, das sich eben nur noch mit Autorität gegen alle Vernunft zu behaupten weiß; denn das geoffenbarte Zeichen, in welchem sich ursprünglich die Furcht und die Hoffnung des Schauenden spiegelte, wird erst jetzt im religiösen Dogma zur metaphysischen Autorität.

Der säkulare Humanismus lehnt nun diese blinden Autoritätsgebaren ab, da sie vom Menschen verlangen, einen Glauben über die Vernunft zu stellen, um einer gleichsam menschgemachten Willkür Rechnung zu tragen, die mit einem Gottbegriff kaschiert wird. Der gegenwärtige Humanismus betont auch deshalb ein rationales Diesseits. Er tut dies ferner, um sich im gesellschaftspolitischen Diskurs deutlicher gegenüber den Religionen abzugrenzen. Das Herausstellen von diesseitiger Vernunft und einer daraus resultierenden menschlichen Verantwortung ist immerhin ein Alleinstellungsmerkmal des säkularen Humanismus‘ als Weltanschauung. Doch das, was den Menschen als Ganzes ausmacht – also all das, was der Mensch vollständigerweise aus sich selbst heraus in die Welt zu bringen vermag, ist (neben einer frei bildenden künstlerischen Tätigkeit) nicht nur vernünftig, sondern eben auch mythischer Natur.

Um das mythische Denken nun für das Diesseits zu kultivieren, muss man vor alles Dogmatische zurückgehen. So lässt sich dem mythischen Denken bewusst eine rein schöpferische Qualität abgewinnen, die sich im Erzeugen von Hoffnung manifestiert. Diese humanistische Hoffnung kommt dann ganz ohne Gott und ohne Furcht aus. Dabei ist auch den rationalsten HumanistInnen das mythische Denken geläufig. Wenn wir beispielsweise jemandem, der im Krankenhaus liegt, eine Genesungskarte zukommen lassen, die ihm oder ihr „Gute Besserung“ verspricht, dann handelt es sich hierbei um mythisches Denken in seiner alltäglichsten Form. Wir schreiben ja nicht auf die Karte: „Du leidest an einer schweren Grippe. Deine Überlebenswahrscheinlichkeit beträgt 90 %.“ Eine solche Formulierung wäre immerhin konsequente Rationalität und bleibt den Ärzten vorbehalten. Aber die Fähigkeit, Hoffnung im Alltag zu stiften, ist mit solch rationalen Mitteln nie zu erreichen.

Die Hoffnung ist das Einzige, was ausschließlich über das mythische Denken erzeugt werden kann. Die humanistische Hoffnung entkleidet dabei alle Religionen auf ihren Dienst am Menschen gemäßen Kern. Es ist das Stiften von Hoffnung gegen alle Widrigkeiten, die von Natur und Erkenntnis als unausweichliche Wahrheit festgeschrieben werden. Das reine Erkenntnisstreben, das der weltliche Humanismus stattdessen betont, vermag es hingegen, bestenfalls mit Wahrscheinlichkeiten zu agieren, aber Hoffnung stiftet die Erkenntnis nie. Jene Hoffnung bedingungslos zu stiften, und zwar für alle Menschen gleichermaßen, ohne Furcht zu erzeugen und ohne jenseitige Autoritäten, ist das, was der Humanismus auf dem ureigensten Gebiet der Religionen zu leisten vermag. Diese humanistische Hoffnung zur Erbauung und insbesondere dort zu stiften, wo der eigene Erkenntnishorizont verblasst, ist menschlich. Zu guter Letzt geht es ja darum, dass der säkulare Humanismus die geistigen Möglichkeiten des Menschen vollständig entfaltet, um aus sich selbst heraus all das hervorbringen zu können, was die menschliche Kultur und die Gemeinschaft ausmacht.

J.-C. P.

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