Shakespeare vs. Agatha Christie

Friends, Romans, Countrymen,
lend me your ears

Kenneth Branagh ist einer der klügsten Regisseure, wenn es darum geht, Werke von William Shakespeare für die Leinwand zu adaptieren. Sein Henry V. von (1989) und insbesondere sein Hamlet (1996) setzen noch immer Maßstäbe. In beiden Werken spielt Branagh die Hauptrolle, was aufgrund seines tiefen Werk- und Figurenverständnisses zu Inszenierungen führt, an denen andere Regisseure und Schauspieler reihenweise scheitern.

Nun hat Kenneth Branagh im Jahr 2017 auch den „Mord im Orientexpress“ von Agatha Christie auf die Leinwand gebracht. Es handelt sich hierbei um eine Romanadaption, die sich in einem einzigen Punkt zwar nur marginal und wohl eher zufällig, aber dennoch mit einem der bedeutendsten Ereignisse der europäischen Geschichte deckt. Shakespeare wiederum hat nun seinerzeit um dieses eine Ereignis, von dem noch die Rede sein wird, ein historisches Drama gestrickt. Weiß man von diesem einen Ereignis, von Shakespeare und von Kenneth Branagh, der ja gleichsam mit diesem einzigen, mit diesem ausschlaggebenden Ereignis bekannt sein muss; dann wird einem durch das Wissen darüber (wie durch das Wissen überhaupt) die nackte Unterhaltung vergällt. Shakespeare im Kopf zu haben und Agatha Christie vor Augen ist Qual.

In Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ wird nun ein Mann, Edward Ratchett, von einer Gruppe Reisender umgebracht. Die 12 Täter stechen nacheinander auf ihr Opfer ein. Der Getötete war Betrüger, Entführer, Mörder und jemand, mit dem die Täter allesamt auf die eine oder andere Weise verbandelt gewesen sind. Im Vorfeld ihrer Tat haben die Mörder dabei einen nahezu fantastischen Aufwand betrieben, um jene Reisesituation herbeizuführen, in der sie sich nun allesamt zu ihrer Lynchjustiz einfinden. Entgegengesetzt wird ihnen allerdings Hercule Poirot, der gleichsam all seine Beziehungen hat spielen lassen, um dennoch ein Abteil in jenem ausgebuchten Orientexpress zu ergattern, den die Tätergruppe für ihren Zweck exklusiv zu okkupieren bestrebt war. Bereits an dieser Stelle ist der Mordplan gescheitert. Zudem ist Hercule Poirot seines Zeichens auch noch der beste Privatdetektiv der Welt, was der Tätergruppe zwar bekannt ist, sie aber trotzdem nicht davon abhält, ihre Mordtat auszuführen. Als dann noch der Zug aufgrund einer Schneeverwehung im tiefsten Jugoslawien zum Erliegen kommt, hat Poirot alle Zeit der Welt, um der mörderischen Zweckgemeinschaft ihr Vergehen nicht nur nachzuweisen, sondern sich am Ende auch noch selbst mitschuldig zu machen. In einer durch und durch übertriebenen Gesamtsituation lässt er der versammelten Täterschaft die Selbstjustiz am Ende sogar durchgehen, weil er die nun anzustrebenden Gerichtsverfahren gegen die Mörder für schwerwiegender hält als den Tod jenes Mannes, den die Tätergruppe auf dem Gewissen hat.

Hier kommt nun das eine Ereignis ins Spiel, von dem bereits die Rede war; denn genauso wie Edward Ratchett getötet wird, ist es auch einst um Julius Cäsar bestellt gewesen. Shakespeare hat diesen Mord um Julius Cäsar dann von der Weltgeschichte ins Welttheater hineingeschrieben. Julius Cäsar wird von einer Gruppe Senatoren um Brutus erdolcht. Wie in Christies Buch stechen die Täter nach und nach auf ihr Opfer ein. Cäsar sinkt zu Boden, stirbt. Es ist derselbe Tathergang wie bei Christie. Im Gegensatz zu Agatha Christies Roman findet diese Tat allerdings zunächst einmal öffentlich statt, was Shakespeares Protagonisten ohne Umschweife zur Verteidigung ihrer Sache auffordert. Hier tritt nun wiederum eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Christies Buch und Shakespeares historischem Drama zutage. In beiden Werken geht es letztlich darum, den jeweiligen Mord zu rechtfertigen. Und genau an dieser Stelle zeigen sich kulturelle Unvereinbarkeiten. Namentlich sind es diametral gegensätzliche Ansprüche, die an das Publikum der jeweiligen Mordtat gestellt werden; denn während sich die Täter in Christies Roman einzig von ihrer Niedertracht und ihren persönlichen Animositäten bewegen lassen, gehen dieselben Triebkräfte in jenen Handlungsmotiven auf, die von dem Shakespearestück insgesamt transportiert werden. Wenn der Cäsarenmörder Brutus sagt: „Not that I lov’d Cäsar less, but that I lov’d Rome more“, bleiben die Konsequenzen seines Handelns gleichsam noch auf eine „Verbesserung“ des Staatswohls gerichtet.

In Agatha Christies Buch hat der Mord jedoch keinerlei Konsequenzen außer in jenen privaten Kreisen, in denen die Verachtung und die Niedertracht gegen das Opfer kultiviert wurden. Schlimmer noch: Hercule Poirot stellt sich letztlich mit den Mördern auf eine Stufe, da er am Ende schweigt, anstatt zu sprechen. Marcus Antonius (der Widersacher der Cäsarenmörder) hingegen kanalisiert seine Wut in eine öffentliche Rede (3. Akt, 2. Szene). An einer solchen Stelle zeigen sich erneut die schriftstellerischen Ansprüche von Christie und Shakespeare. Die Konstruktion eines Detektivromans, dessen Glieder sich durch immer neue Enthüllungen lediglich auf fantastische Weise bis hin zur Sprachlosigkeit aneinanderfügen, verblasst vor der tatsächlichen rhetorischen Kunst, die es vermag, einen Sachverhalt so einzukleiden, dass der Text selbst zu einem bewegenden Moment für den Rezipienten wird. Marcus Antonius‘ Rede verkörpert dies auf allen Ebenen. Shakespeares Nachdichtung um die Ermordung Cäsars fragt damit auch nach der Verantwortung des Einzelnen in Bezug auf jenen Staat, in dem der Einzelne agiert – ein Staat, der durch Sprache mit bewegt und gestaltet wird. In Agatha Christies Buch schwingt lediglich eine moralische Frage und diese auch nur marginal mit, sofern sie sich der Leser am Ende selbst zu stellen vermag. Zu fantastisch ist Christies Geschichte. Bei Shakespeare aber werden die gesellschaftlichen Konsequenzen aller Handlungen gleich mit verhandelt. Das beginnt schon in der ersten Szene, wenn der Disput zwischen Marullus und Flavius ein Volk entlarvt, das sich gleich welcher Herrschertriumphe immerfort zu allen Staatsfeierlichkeiten hinreißen lässt, ohne dass es dieselben in einer Wertigkeit zu ordnen vermag.

– Dieser Gedanke ist nun aktueller denn je, trachtet doch auch der hier vorliegende Aufsatz ganz nebenbei danach, zu belegen, dass alle Kulturgüter gehaltlos werden, sobald man sie lediglich auf ihren reinen Entertainmentgehalt hin befragt. –

In Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ jedenfalls gibt es keine solch diskursiven Elemente wie bei Shakespeare. Christies Hercule Poirot zieht den Leser letztlich nur auf die Stufe seiner einsamen Entscheidung, die Täter zu schützen, herab. Die Haltung zum Text, die ein solcher Detektivroman vom Leser verlangt, ist dieselbe Art der Wahrnehmung wie die eines Schaulustigen, der fasziniert einen Unfallhergang bestaunt. Daran ergötzen wir uns. Shakespeare aber erhebt unseren Blick buchstäblich auf alles, was der Mensch aus einem Bewusstsein für Wertigkeit heraus und infolgedessen mit seinem aktiven Denken und Handeln zu gestalten vermag. Agatha Christie pflegt diesen Anspruch nicht; denn nachdem Hercule Poirot den Mord aufgeklärt hat, setzt der Orientexpress lediglich seine Reise aus der Isolation (Privatheit) in die Zivilisation (Gesellschaft) fort. Shakespeare aber lässt sein Werk dort erst wirklich beginnen, wo Christies Buch aufhört. Es ist der Punkt, an dem die Privatheit zu einer öffentlichen Angelegenheit wird.

Agatha Christie liefert letztlich ‚Brot und Spiele‘. Auch diese Kultur erfüllt ihren Zweck, und zwar als kraftspendende Erholung von den Pflichten des Alltags. Der Rezipient aber, der sich mit einem historischen Drama Shakespeares konfrontiert, ist gefordert, jene Wertigkeit vorzunehmen, von der umseitig bereits die Rede war. Hier wird der handelnde Mensch antizipiert, der die eigene Identität in dem prägenden Teil seiner Geschichte und in den menschlichen Möglichkeiten, diese Geschichte fortzuschreiben, verortet. Das Kulturgut wird hier nicht als Auszeit vom tätigen Leben verstanden, sondern als inspirierender Teil desselben, um fortlaufend das eine aus dem anderen gestalten zu können. Eine solcher Kulturbegriff fasst den Menschen in seiner Ganzheit, was um ein Vielfaches erfüllender ist als jene Haltung, die das Leben in Notwendigkeit und Entertainment spaltet.

Zieht man die Literatur- und Weltgeschichte zusammen, so ist der Mord an Julius Cäsar die wohl bedeutendste Peripetie der abendländischen Kulturgeschichte. Shakespeare weiß, was Relevanz bedeutet. Auch das ist ein Grund, warum nicht nur dieses, sondern das Gesamtwerk Shakespeares ein Teil dessen ist, was gemeinhin als Bildungskanon besungen wird. – Den Menschen zu befähigen, diesen Weizen von all der Spreu selbstständig trennen zu können, ist Aufgabe von Bibliotheken, Schulen und Theatern. Doch insbesondere die erstgenannten Einrichtungen tragen mit der gleichwertigen Präsentation ihrer Bücher zu einer Nivellierung aller literarischen Ansprüche bei. Es bedarf Kultur- und Bildungsinitiativen, welche öffentliche Einrichtungen diesbezüglich zu bereichern trachten, sowie einer unabhängigen Kulturkritik, die dasselbe Bewusstsein für Wertigkeit in einem scharfzüngigen Feuilleton zum Ausdruck bringt.

J.-C. P. (07.2018)

Dieser Beitrag wurde unter Extrablog 13 – Shakespeare vs. Agatha Christie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.