Hinsichtlich der praktischen Vernunft

(02.2019) Weltanschauung als solche meint die Wirklichkeit, wie sie sich subjektiv darstellt. Es ist die persönliche Erfahrungswirklichkeit, die nicht zwingend mit der Erfahrungswirklichkeit anderer Menschen übereinstimmt. Jeder, der eine Ansicht vertritt, bringt seine Weltanschauung zum Ausdruck. Dies ist insbesondere in einem öffentlichen Raum von Belang, der durch Bürgerinnen und Bürger selbst gestaltet wird. Verständigung ist hier unabdingbar, insbesondere in einer Gesellschaft, die immer pluralistischer wird. In einer Demokratie ist praktische Vernunft eine Grundvoraussetzung, auf der eine solche Verständigung geschieht und geschehen muss, will das Volk regieren; denn praktische Vernunft ist von allen Ideologien und Bildungsbiografien unabhängig. Sie ermöglicht gesamtgesellschaftliche Teilhabe und politische Gestaltung nicht aufgrund von akademischem Fachwissen, religiösen Glaubensvorstellungen oder in Abhängigkeit sozialer Stände. Vielmehr stützt sich die praktische Vernunft auf Erfahrungsurteile, über die jeder Bürger verfügt und verfügen kann, um die eigenen Handlungen zu erklären oder Handlungsoptionen für andere darzulegen. Deshalb muss der gesellschaftspolitische Diskurs auch von den jeweils gewählten Volksvertretern im Hinblick auf die praktische Vernunft organisiert und geführt werden. Sie ist ein Grundpfeiler der (politischen) Bildung schlechthin – eine Philosophie, die an jeder Schule gelehrt werden sollte. Aber auch Bürgerinnen und Bürger sind angehalten, mit diesem Instrument vertraut zu bleiben, um mit demselben aus ihrem gesammelten Erfahrungswissen heraus das eigene Potenzial zu entfalten.

Die praktische Vernunft mittelt hier zwischen zwei Gegebenheiten, nämlich zwischen dem Einzelnen, dessen Möglichkeiten sie zu entfalten sucht, und unserem demokratischen Staat, in dem der Einzelne angesichts der Entfaltungsfreiheit seiner Mitmenschen zu Kompromissen angehalten ist.

Im Sinne der praktischen Vernunft ist die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten nun weniger eine Einladung, um den eigenen Neigungen nachzugehen. Vielmehr hält die praktische Vernunft den Einzelnen dazu an, sich Fragen der Notwendigkeit zu widmen. Dies geschieht nicht aus Zwang, sondern aus Freiheit. Angesichts all der frei zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nimmt vernünftiges Denken eine selbstkritische Gewichtung besagter Möglichkeiten vor. Aus der Freiheit erwächst Verantwortung. Das heißt: Die praktische Vernunft sucht solche Handlungen anzustreben, die darauf hinwirken, dass sich die Bedingungen des eigenen Menschseins und des Menschseins anderer verbessern. Dabei spielt die eigene Urteilskraft eine entscheidende Rolle. Sie ist bedingt durch unsere Fähigkeit zur Apperzeption. Apperzeption meint das Überführen sinnlich erfahrbarer Eindrücke in das reflektierende Bewusstsein. Wir tun es ständig, haben oftmals Situationen und Gegenstände vor Augen (physisch wie geistig), die wir angesichts eines reflektierenden Bewusstseins gestalten. So verfährt beispielsweise der Tischler, der ein Stuhlbein an einer Drehbank herstellt; die Malerin, die eine Landschaft in Ölfarben abzubilden sucht; die Journalistin, die ihre Artikel in Ansehung journalistischer Standards verfasst; oder der Pfleger, der den Bedürfnissen seiner Patienten weit mehr zu entsprechen vermag, sobald er sich in sie einfühlt. All das gelingt nur reflektierend zu dem, was man selbst empfindet und weiß. So spielt Bildung für die praktische Vernunft eine entscheidende Rolle. Diese Bildung meint allerdings weniger das Anhäufen von akademischem Fachwissen, sondern zunächst die Sinn gebende Anwendung von eigenem Erfahrungswissen mit dem Ziel, das reflektierende Bewusstsein durch Erfahrung feinfühliger und differenzierter auf den Gegenstand der Betrachtung einzustellen. Letztlich ist es das Urteilsvermögen selbst, das diese Bildung im Sinne der praktischen Vernunft zu schärfen vermag, und zwar auch im Hinblick auf theoretische Vernunftschlüsse, die ein jeder früher oder später aus den kultivierten Erfahrungen abzuleiten sucht. – Um sich Erfahrung differenziert und feinfühlig zu erschließen, ist der Austausch mit anderen unabdingbar.

Apperzeption ist Grundlage aller Weltanschauung, da sie selbst von keinem spezifischen Kultur-, Bildungs- oder Erfahrungskontext abhängig ist. Wäre die Natur des Universums eine gänzlich andere und Apperzeption im Hinblick auf irgendeinen erfahrbaren Erlebnisstrom dennoch möglich, dann bedarf es nur dieses Umstands der Selbstvergewisserung, um zu einer Anschauung von der Welt zu gelangen, unabhängig davon, was die Welt tatsächlich ist. Man mag allenfalls die Fähigkeit, sich überhaupt auf einen Gegenstand konzentrieren zu können, als Bedingung für Apperzeption auffassen. Damit ist jedoch noch nichts Eigenes hervorgebracht. Fokussierte Aufmerksamkeit übt in gewisser Weise auch, wer in einem Sessel sitzt und Fernsehen schaut. Erst, wenn das reflektierende Bewusstsein willentlich hinzutritt, wird tatsächlich neuer Sinn gestiftet. Nicht im perzeptiven, sondern einzig im apperzeptiven Umgang mit der Welt tritt der Mensch in eine Wechselverständigung, welche es ihm erlaubt, die eigene Erfahrungswirklichkeit mit den Anschauungen anderer Menschen sowie mit einer vorgefundenen Umwelt zu identifizieren – und beides zu bereichern. Insbesondere Letztgenanntes ist für uns von Bedeutung. Das oberste ethische Prinzip unserer praktischen Vernunft ist es ja, das eigene Leben aus sich selbst schöpfend zur Entfaltung zu bringen und gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass dies auch anderen gelingt; denn ohne die Freiheit der anderen gibt es keine praktische Vernunft – für niemanden. An ihre Stelle träte das Diktat. Es bedarf der Freiheit aller, damit Vernunftgründe (auch die theoretischen) überhaupt gelten können. Nur, wer frei ist, kann sich überhaupt entscheiden. Am ehesten stellt man diese Freiheit unter Beweis, indem man der gewichtigsten, und zwar in einer Ethik praktischer Vernunft 1 begründeten Handlungsoption den Vorrang vor den eigenen Neigungen einräumt.

So tut der Mensch gut daran, sich zu aller erst überhaupt als ein Kulturwesen zu begreifen; denn im Modus der Apperzeption entstehen Erfahrungsüberschüsse, an denen sich nicht nur Empathie und differenziertes Denken schulen lassen. Besagte Überschüsse an Erfahrung treten auch nach außen in Erscheinung, und zwar als Kulturleistungen und Kunst. Jeder, der Erfahrungen macht, kennt solche Situationen, die einen über das eigentliche Erleben hinaus beschäftigen. Wohin mit ihnen? – So werden Erfahrungen ein Anlass, sich künstlerisch zu betätigen, aber auch, um politisch zu gestalten oder sich gesellschaftlich zu engagieren. Allerdings bedarf es auch hier jener ethischen Maxime, welche die praktische Vernunft zwar weniger für die Kunst, aber doch für alles öffentlich wirksame Handeln bereithält; denn sie erklärt kein starres Gebot, sondern vermittels ihres ethischen Leitsatzes1 einen gedanklichen Spielraum zum Prinzip, der eigenständiges Denken unabdingbar macht und damit auf oberster Ebene an jene apperzeptive Grundvoraussetzung anknüpft, die das Menschsein an sich bedingt.

Hieraus begründet sich gleichsam die Würde des Menschen; denn die praktische Vernunft, die nach außen hin zum Zwecke der Kooperation geübt wird, lässt bei aller Meinungsverschiedenheit die gemeinsame Grundlage des Handelns für jene erkennbar bleiben, welche sich der praktischen Vernunft bedienen. Es ist die Wertschätzung für jene schöpferischen Kräfte, die jeder Einzelne in sich trägt, und zwar unabhängig davon, welchen Weg das Denken und Handeln zum Zwecke der Bereicherung des Menschseins letztlich beschreitet; denn bei aller Vielgestalt der Darlegung individueller Beweggründe bleibt in Ansehung der praktischen Vernunft jenes dem Menschen ureigenste Schöpfungsprinzip, mit dem er die Welt gestaltet und beseelt, im Auge aller Betrachter sichtbar. Das verbindet.

Diese Mündigkeit, die die praktische Vernunft als Mittel zu Erkenntnissen (zunächst ohne Fach- und Vorwissen) und nur in Ansehung der eigenen Erfahrung zu stiften vermag, ist Grundlage für die gleichberechtigte Teilhabe an gestaltbaren Prozessen innerhalb einer Demokratie. Jenseits aller Sozial- und Bildungsbiografien haben alle Bürgerinnen und Bürger gleichsam Zugang zu ihren Erfahrungen, die es im Sinne einer demokratischen Gestaltungskraft für sich und andere zu kultivieren gilt. Eine solch praktische Vernunft gehört zum Grundkanon der schulischen Bildung eines jeden Staates, der auf selbstständige Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist, will er sich selbst erhalten. An der praktischen Vernunft bildet sich die Urteilskraft als solche. Politisches Handeln, gesellschaftliches Engagement werden genauso befördert wie Kunst, Kulturleistungen und persönliche Entwicklung.

Besagte praktische Vernunft lädt zur Auseinandersetzung ein mit Menschen, ihren Ansichten und Werken, sofern man ihnen denn apperzeptiv, befragend, zu begegnen gewillt ist – im Sinne der Verständigung.

J.-C. P. (02.2019)

________

1 Das Entfalten des eigenen Potenzials unter Wahrung der Freiheit anderer.

Dieser Beitrag wurde unter Extrablog 16 – Denken abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.