80 Jahre Husumer Jugendherberge – denkmalgeschützte Teile müssen saniert und Geschichte greifbar werden

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(04.2019) Ein Riss geht durch den Schimmelreiter. Das nebenstehende Foto zeigt eine der Wandmalereien in der Husumer Jugendherberge. Besagter Gemäldeausschnitt befindet sich im ehemaligen großen Tagesraum. Zusammen mit dem historischen Teil des Gebäudes steht die Inneneinrichtung seit 2014 unter Denkmalschutz. Doch an der Bausubstanz und an der Ausstattung nagt der Zahn der Zeit. Die Farben verblassen. Der Putz bröckelt. Löcher treten in den Wandbildern zutage – und immer wieder Risse, die sich von der Decke durch die raumumspannenden Malereien ziehen.

Im letzten Monat ist die Husumer Jugendherberge 80 Jahre alt geworden – ein stilles Jubiläum; denn die Einrichtung ist im April 1939 unter nationalsozialistischer Herrschaft eröffnet worden. Damals wurden 60 Jugendherbergen rund um Hitlers fünfzigsten Geburtstag in ganz Deutschland eingeweiht. Aus dieser Gebäudezahl sticht die Husumer Jugendherberge aufgrund ihrer reichhaltigen Ausstattung noch heute hervor.

Vor allem die raumumspannenden Wandmalereien waren damals ideologisch aufgeladen. Wir sehen Männer bei der Feldarbeit, bei der Landgewinnung und im Krieg. Erde, Boden – Heimat ist das verbindende Element, das nach Aufopferung verlangt. Frauen sehen wir in ihrer Mutterrolle. Mit derartigen Illustrationen, aber auch mit Motiven in Anlehnung an die Stadt- und Landesgeschichte sollte die Jugend indoktriniert werden, um sie „auf den Kampf im Grenzland“1 einzustimmen; denn hier sollte „die junge Generation ihren Dienst und ihre Pflicht tun.“2 Das war das erklärte Ziel der nationalsozialistischen Jugendarbeit. In deren ‚Genuss‘ kamen überhaupt nur jene Mädchen und Jungen, die sich in dieser Hinsicht formen ließen. Kinder, die ‚rassisch‘, körperlich, geistig oder seelisch nicht für die Hitlerjugend geeignet waren, wurden entweder beim Reichsarbeitsdienst „weiter geschliffen“, wie sich Hitler auszudrücken pflegte, oder im Rahmen der Euthanasieprogramme umgebracht. Auch das darf nicht vergessen werden, wenn man sich die Jugendarbeit der Nationalsozialisten vor Augen führt. Denkmalschutz verpflichtet eben auch zum Erhalt des historischen Kontextes. Dazu bedarf es adäquater Informationstafeln, um der Jugend, die sich heutzutage hier aufhält, in zumutbarer Weise jenes Wissen mit auf den Weg zu geben, das sie ihre heutigen Freiheiten begreifen lässt.

Doch leider ist auch die Geschichte der Wandbilder weitgehend in Vergessenheit geraten. Sie wirken heute naiv, beinahe kindlich. Auch Motive aus Theodor Storms Novellen sind darunter. Letztlich war es der Dichter selbst, den die Nationalsozialisten für ihre Zwecke zu vereinnahmen wussten. Die Hintergründe dazu wurden bereits vor 10 Jahren erforscht. Der Artikel „Storm-Rezeption im Nationalsozialismus am Beispiel der Husumer Jugendherberge“ ist im Nordfriesischen Jahrbuch 2009 erschienen. Er stammt von der damaligen Literaturwissenschaftsstudentin Hanna Kück, die ihrerzeit ein Praktikum im Storm Haus absolvierte.

Die Husumer Jugendherberge ist aufgrund ihrer Geschichte besonders dafür geeignet, Aufklärungsarbeit zu leisten. Jugendliche lassen sich hier in verantwortungsvoller Weise an den Nationalsozialismus heran-führen, und zwar vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Das ist ein Bezug, den keine andere Gedenkstätte in dieser Form herzustellen vermag. Aufgrund der Mängel, die an der Bausubstanz und insbesondere in den Wandmalereien immer offener zutage treten, sind jetzt Maßnahmen zur Sanierung und Restaurierung geboten. Im Zuge dessen muss eben auch der historische Kontext mit kleinen Schautafeln sichtbar gemacht werden – als museales und bildungspolitisches Angebot für hiesige Schülerinnen und Schüler, aber auch für Husums jugendliche Gäste und die anderen Besucher unserer Stadt.

/Jan-Christian Petersen (05.2019)

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1vgl. Husumer Nachrichten vom 17.04.1939

2Ibid.

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